Die Rache der Gespenster (von Thomas Burger)


Der Schriftsteller sass über seiner Schreibmaschine und schrieb Gespenstergeschichten. Er hatte die Tischlampe zu sich herangezogen, so dass sie nur die Tasten beleuchtete und die Manuskriptblätter, die links vor ihm lagen. Acht Seiten waren bereits vollgeschrieben, das neunte Blatt steckte in der Maschine.

 

«Noch dieses!» murmelte der Schriftsteller und tippte weiter. Er vergass alles andere ringsum; er vergass sogar, auf die Uhr zu sehen. Und als die Wanduhr leise und fast ein wenig kläglich zwölfmal schlug, gab er auch darauf gar nicht acht.

 

Aber dann schrak er zusammen. Er hatte plötzlich das Gefühl, dass jemand hinter ihm stehen würde. Er wollte sich umdrehen, aber das war gar nicht mehr nötig: Links und rechts von ihm schoben sich die Gespenster jetzt nur so vorbei! Schauerliche Spukgestalten waren es, von denen eine schon genügt hätte, dass man auf und davon lief. Aber dazu war es nun zu spät. Die unheimlichen Besucher griffen plötzlich wie auf ein geheimes Kommando nach dem Manuskript, wobei die Arme der fernstehenden Geister vorübergehend bis zu zwei Meter lang wurden. Jeder Spukgeist nahm ein Blatt an sich – es ging genau auf: so viele Blätter, so viele Gespenster! 

 

Die werden mir doch nicht zu lesen anfangen! dachte der Schriftsteller bekümmert. Aber sie taten es bereits. Es gab ein unheimliches Murmeln und Seufzen und Stöhnen. Zwischendurch aber übertönte ein Gespenst das andere, wenn es einen Satz ganz besonders fluchwürdig fand. 

 

Da las zum Beispiel der Geist mit dem riesigen Mauskopf vor: «Das Gespenst zeigte ein Gesicht, dass man beim Anschauen Zahnweh bekam!» Der Mauskopf starrte den Schriftsteller an. «Zahnweh ist gut!» lachte er dann höhnisch, und der Mann an der Schreibmaschine vermeinte, plötzlich würden ihm alle Zähne wehtun. 

 

Aber schon drängte sich der «Graf mit dem Strick um den Hals» nach vorn. Er las: «Das Gespenst schien Plattfüsse zu haben, so unbeholfen humpelte es einher.» Der «Graf» zauberte sich ein Monokel ins grosse Auge und schielte den Schriftsteller eine Weile hämisch grinsend an. Dann meinte er kichernd: «Plattfüsse sind gut!» Und der Mann an der Schreibmaschine hatte augenblicklich das Gefühl, dass mit seinen Füssen etwas nicht mehr in Ordnung war.

 

Der Spukgeist, der oben wie ein abgebrochener Besen aussah, schrie auf einmal schrill: «Besenfrisur ist gut!» Und der Schriftsteller, der sich über die Haare fahren wollte, stellte fest, dass sie wie verzaubert fest zu Berge standen. 

 

«Das Gespenst kullerte einher, als wenn es eine grosse Regentonne wäre!» las jetzt eine andere Spukgestalt vor, die einen dunklen Kapuzenumhang trug. «Regentonne!» wiederholte sie und klatschte in die Hände vor Wonne. «Regentonne ist gut!» Und der Mann an der Schreibmaschine fühlte gleichzeitig, wie er schwerer wurde. Er nahm zusehends zu! Jetzt wog er bestimmt schon zweieinhalb Zentner, und noch immer hörte er nicht auf, dicker zu werden. «Erbarmen!» wollte er rufen, da fing ein anderes Gespenst laut zu lesen an, und er hörte mit dem Dickerwerden auf.

 

Diesmal kam die Stimme von unten. Es war ein uraltes, verhutzeltes Gespenst. In weinerlichem Ton las es vor: «Das Gespenst hatte einen Buckel wie eine Katze, wenn sie vor dem Mauseloch steht». Das uralte Gespenst sah den Schriftsteller vorwurfsvoll an. «Ich habe dich ja gar nicht damit gemeint!» wollte sich der entschuldigen, aber da fing das uralte Gespenst schon zu lachen an, kreischend und wie irr. «Buckel ist gut! Ist sogar sehr gut!» lachte es. Der Mann an der Schreibmaschine griff erschrocken nach hinten und – fühlte einen mächtigen Buckel, so dass er sich gar nicht mehr bequem in seinen Stuhl setzen konnte.

 

«Das geht ja noch alles», suchte sich der Schriftsteller selber zu beruhigen. «Wenn sie nur nicht die Stelle finden mit dem Kopflosen-Emil!» Aber da hob der Ritter, der links vom Schreibtisch stand, schon mit Grabesstimme an zu lesen. «Das Gespenst», betonte er, «nahm seinen Kopf einfach in die Hand.—Hahaha! Einfach in die Hand. Das ist gut!» Und der Ritter griff sich selbst in die Backe und hob seinen Kopf vom Hals herunter. Der Kopf aber sah den Schriftsteller zornig an. «Wenn nur nicht auch noch das an mir in Erfüllung geht! Alles, nur das nicht!» jammerte der Mann an der Schreibmaschine, von Verzweiflung gepeinigt, und – wachte auf. 

 

Vor ihm stand die Schreibmaschine, lagen die Manuskriptblätter in alter Ordnung. Und im Zimmer befand sich niemand ausser ihm. Er war nur ein wenig eingenickt vor Übermüdung und hatte dann schlecht geträumt.

Er war ein Opfer seiner eigenen Gespenstergeschichten geworden!