Sterngrauch Nimmersatt (von Kurt B)

  1. Es war ein Sterngrauch Nimmersatt,
  2. der fühlte sich so schlapp und matt
  3. dass er des Nachbarn Feld verzehrte - 
  4. ein Müller war's, dem es gehörte. 
  5. Doch Sterngrauch kümmerte das kaum, 
  6. er frass die Äpfel ab vom Baum, 
  7. dann ging er stracks zu den Salaten, 
  8. die sich ein solches Tun verbaten, 
  9. allein dem Sterngrauch ward nicht bange, 
  10. die Bohnen frass er von der Stange. 
  11. Dann die Radieschen, dann den Kohl, 
  12. vom Knoblauch gab er einmal wohl 
  13. des Müllers Tochter ein paar Zehen, 
  14. um sie von nahe anzusehen, 
  15. Sie hiess Marie, hatt' rotes Haar, 
  16. ganz langes, nahm der Sterngrauch wahr, 
  17. und lachte voll Allotria, 
  18. bleckte die Zähne, wie er sah, 
  19. bevor er sich dem Raps zuwandte, 
  20. den er seit früher Jugend kannte. 
  21. Dann trank er gierig Kürbissaft, 
  22. die Rüben frass er bis zum Schaft, 
  23. und dann den Wald, den er bewohnt', 
  24. auch Bäume blieben nicht verschont. 
  25. Als er sich so im Leeren fand, 
  26. bat er Marie um ihre Hand. 
  27. Die reichte ihm sie lachend auch, 
  28. allein ihr Vater war dem Grauch 
  29. nicht wohlgesinnt, beschied ihm nein: 
  30. der Hof, die Mühle sind zu klein. 
  31. den Hunger dieses Kerls zu stillen. 
  32. «Mit Abscheu und mit Widerwillen 
  33. verfolg ich täglich seine Spur 
  34. auf meinen Feldern, meiner Flur -
  35.  als Schwiegersohn, das fehlte noch!» 
  36. Der Sterngrauch widersprach jedoch: 
  37. Er sagte: «Lieber Müller, schau, 
  38. seit Jahren fehlt mir eine Frau, 
  39. die mir wohl das ersetzen könnte, 
  40. was meine Mutter mir nicht gönnte, 
  41. Nestwärme und ein bisschen Liebe, 
  42. weshalb ich jetzt dem Drang erliege 
  43. zu fressen, was der Magen hält,
  44. vom fetten Überfluss der Welt.» 
  45. Allein erfolglos blieb der Werber. 
  46. Der Müller wollte keinen Ärger 
  47. mit einem Kerl ohn' all Gespür, 
  48. er warf den Sterngrauch vor die Tür. 
  49. Nach sieben Jahren traf Sterngrauch, 
  50. gekleidet wie's des Landes Brauch, 
  51. an einem Sonntag nach der Predigt 
  52. des Müllers Tochter, die noch ledig, 
  53. und den vergrämten Vater an, 
  54. trat vor sie hin und sprach sodann: 
  55. «Du hast mir schnöde einst verwehrt 
  56. die Hand Maries, die ich verehrt', 
  57. nun räch ich mich, ich fresse sie, 
  58. doch fress ich nicht nur die Marie, 
  59. du selber wirst zuerst verschlungen, 
  60. noch eh‘ ein Ave du gesungen.» 
  61. Und tat's auch gleich mit Appetit, 
  62. Mühle und Feld verschlang er mit, 
  63. und als man ihn ins Zuchthaus brachte, 
  64. wo er sich erst den Bauch voll lachte, 
  65. frass er die schweren Eisenketten, 
  66. die Ihn beim Gehn behindert hätten. 
  67. Drei Wächter, die sein Kauen hörten 
  68. und ihn beim Mahle dauernd störten, 
  69. verschlang er, dann das Gitter noch 
  70. vor seinem engen Fensterloch. 
  71. Und dann ein Sprung, hinaus ins Weite - 
  72. verschwunden blieb Sterngrauch bis heute. 
  • Kopie des Textes zu Schulungszwecken mit freundlicher Genehmigung des Verlages.