Farb-Kontraste


Farbkontraste nach Johannes Itten
 

“Von Kontrast spricht man, wenn zwischen zwei zu vergleichenden Farbwirkungen deutliche Unterschiede oder Intervalle festzustellen sind.” - Johannes Itten

Die Farbkontraste zu kennen und sie anzuwenden ist für den Gestalter zum praktischen Umgang mit den Farben unverzichtbar. Farben beeinflussen sich gegenseitig, stehen in Wechselwirkungen zu ihrem Umfeld, verhalten sich manchmal sogar regelrecht widerspenstig. Mit dem Wissen über Farbkontraste erlangen wir mehr Kontrolle über die Wechselwirkung der Farben.

Der Kunstpädagoge Johannes Itten (1888 - 1967) institutionalisierte seine Farblehre in den 20er Jahren am Bauhaus. Trotz vieler Anfechtungen hat sie heute noch Gültigkeit. Allerdings wurde für folgende Erläuterungen nicht Ittens Farbkreis, sondern der mathematisch korrekte von Küppers gewählt.

Er teilte die Farbe in drei verschiedene Ordnungen ein und arrangierte sie in einem Farbkreis. Die drei Grundfarben erster Ordnung befinden sich in der Mitte des Farbkreises.

Die Farbkontraste: Itten unterscheidet sieben verschiedene Kontraste:
 
 

  • Farbe-an-sich-Kontrast (Buntkontrast und Unbuntkontrast)
    Beim Buntkontrast entsteht eine lebendige, laute, kraftvolle Wirkung, da drei oder mehrere reine Farben unmittelbar zusammentreffen. Ein stark ausgeprägter Buntkontrast ist bei Gelb-Magenta-Cyan vorhanden. Durch seine Auffälligkeit eignet er sich gut für Flaggen, Fahnen und Signale. Seine direkte und unkomplizierte Ausstrahlung nutzt die Folklore, aber auch die Kunst des Pop Art.
    Der Unbuntkontrast ist eine Erweiterung des Buntkontrastes um Schwarz und Weiß. Seine besonders hohe Auffälligkeit wird in Signalen wie zum Beispiel Gefahrenschildern in schwarz-gelb genutzt. Er entsteht dadurch, dass auf der Netzhaut abwechselnd die beiden konträren Rezeptoren gereizt werden: die Zapfen (Buntempfänger) und die Stäbchen (s/w-Empfänger).
    Moderne Maler wie MatisseMiróPicasso oder Kandinsky nutzen den FASK für ihre ausdruckstarken Bilder.
     
     
  • Hell-Dunkel-Kontrast (Helligkeitskontrast)
    Der HDK ist ein optischer Primärkontrast, der wesentlich zur Spannung im Bild beiträgt. Dreidimensionaler Raum wäre ohne ihn undenkbar, da räumliche Wirkung oft über Verläufe und Schatten mittels Schwarzbeimuschung erzeugt werden.
    Ohne den Helligkeitskontrast entsteht an den Grenzen der Farben eine Flimmerwirkung. Die Farben haben auch eine Eigenhelligkeit. So bilden Violett-Blau und Gelb den größten Hell-Dunkel-Kontrast. Je größer der HDK, desto mehr verliert die beeinflusste Farbe an Farbigkeit, wenn sie als kleine Figur auf grossflächigem Hintergrund erscheint. Ein schmaler violetter Streifen auf einer gelben Fläche wirkt so fast schwarz.
    Die Anmutungstendenz ist ruhig, geordnet, entspannt. Er eignet sich gut für die Abstufung von Prioritäten, wie sie oft im Screendesgin benötigt werden.
    Bei Malern wie RembrandtVelazquezGoya und Georges de la Tour spielt der HDK eine besondere Rolle.
     
     
  • Kalt-Warm-Kontrast (Nah-Fern-Kontrast)
    Dieser Farbkontrast beruht zum einen auf subjektiven Temperaturempfindungen, zum anderen auf räumlichgeometrischen Vorstellungen. Versuche haben gezeigt, dass ein Raum mit blauen Wänden bei gleicher Temperatur kälter als ein Raum mit roten Wänden empfunden.
    Die Farben Gelb über Gelborange bis Magentarot (rechte Häfte des Farbkreises nach Itten) werden im Allgemeinen als warm und gleichzeitig nah bezeichnet. Die Farben Violettblau über Cyan bis Grün (linke Häfte des Farbkreises nach Itten) werden dagegen als kalte und ferne Farben eingestuft. Ob eine Farbe als warm oder kalt empfunden wird, kommt aber auf den Kontext der umgebenden Farben an. Die weit entferntesten Pole bilden jedoch Orangerot und Cyan.
    Perspektivische Wirkungen sind mit diesem Kontrast leicht zu erzielen: Entferntes ist kälter und Nahes wärmer in der Farbgebung anzulegen. Kalt-Warm-Klänge aus Komponenten eines Farbtons wie zum Beispiel Rotviolett-Blauviolett-Cyan wirken intensiv, aktivierend und bewegt. Diese Farbspannung hat einen Aufforderungscharakter, der sich gut für Themen wie Sport und Internet-Shopping eignet.
    Der Nah-Fern-Kontrast ist mitverantwortlich für die Farbperspektive.
     
     
  • Komplementärkontrast
    Farben, die in einer Komplementärbeziehung stehen, bilden ein besonderes Harmonieverhältnis, da sie sich gegenseitig in ihrer Farbintensität und Leuchtkraft steigern. Sie befinden sich in einem Gleichgewicht der Kräfte, das zwar stabil ist, aber gleichzeitig unruhig vibriert. Komplementäre Paare stehen sich auf dem Farbkreis gegenüber. In der Malerei gilt auch die Definition, dass sich zwei komplementäre Farben zu einem neutralen Grau ausmischen lassen. Die stärkste Kontrastwirkung haben Magenta und Grün, da sie gleich hell sind. In der Gestaltung ist dieser Kontrast ein Eyecatcher, der schnell verbraucht, wenn er nicht mit Mischfarben augenschonend gemildert wird.
    Physiologisch ist erwiesen, dass unser Auge zu einer gegebenen Farbe die komplementäre Ergänzung fordert und sie selbstständig erzeugt, wenn sie nicht gegeben ist. Dadurch kommt der sogenannte Flimmereffekt zustande.
     
    • Bei Grauwerten: Der Simultankontrast ist neben dem Sukzessivkontrast der einzige Kontrast, der auch in der Hell-Dunkel-Wahrnehmung Bestand hat. Hier wirkt er zum einen als Flächenkontrast, zum anderen als Randkontrast. Im Beispiel sind alle Innenquadrate in 20% Grau angelegt, wirken aber durch die Beeinflussung des Hintergrundes unterschiedlich hell.
    • Bei Farben: Unser Auge fordert zu einer gegebenen Farbe (gleichzeitig) deren Komplementärfarbe. Betrachten wir einen roten Balken einmal auf einer orangefarbenen, dann auf einer violetten Fläche, so haben wir den Eindruck, dass rot im orangefarbenen Feld dunkler und bräunlicher ist. Gleiche Farben können auf unterschiedlichen Farben verändert erscheinen. Helle Farben auf gesättigten Hintergrundflächen haben den stärksten simultanen Effekt.
      Simultaneffekte werden meist nur unbewusst wahrgenommen, spielen aber auch im s/w-Bereich eine entscheidende Rolle. Der Simultankontrast gilt neben dem Komplementärkontrast als wichtigster Beeinflussungsfaktor im Zusammenspiel der Farben.

      Der Sukzessivkontrast, auch Nachfolgekontrast genannt, erzeugt ein komplementäres Nachbild. Starrt man zum Beispiel lange auf eine violette Fläche und dann ruckartig auf eine weiße, erscheint diese in der Komplementärfarbe Gelb zu leuchten. Dieser Effekt tritt auch bei Schwarz und Weiß auf.

      Bei der Filmtechnik lassen sich so auch Überblendungen simulieren.


  • Simultankontrast / Sukzessivkontrast
    Der Simultankontrast entsteht, wenn das Auge zu einer Farbe die jeweilige Komplementärfarbe verlangt. So scheinen an farbige Flächen angrenzende graue Flächen in der Komplementärfarbe gefärbt zu sein, was eine Kontraststeigerung zur Folge hat. Diesem Effekt kann man durch Beimischen der jeweiligen Farbe entgegenwirken. 

 

  • Qualitätskontrast (Intensitätskontrast)
    Die Qualität einer Farbe definiert sich durch ihren Reinheits- oder Sättigungsgrad. Als Qualitätskontrast bezeichnen wir den Gegensatz von gesättigten, reinen und leuchtenden Farben zu ungesättigten, getrübten Farben. Am klarsten stellt sich der Qualitätskontrast dar, wenn der reinen Farbe grau oder die Komplementärfarbe beigemischt werden. Bricht man die Farben mit grau, werden sie zwar auch getrübt, aber der entstehende Helligkeitskontrast lenkt vom Qualitätskontrast ab. Für die Arbeit am Screen bedeuted das, die Sättigung zu reduzieren, die Helligkeit aber unverändert zu lassen.
    Sieht ein Gestaltungskonzept den Einsatz von stumpfen, vergrauten Farbtönen vor, so können diese durch ein paar reine Farben belebt werden.
    Der Qualitätskontrast hat auch eine räumliche Wirkung und ist mitverantwortlich für die Farbperspektive.

     
  • Quantitätskontrast (Mengenkontrast)
    (fileadmin/media/dr13/farbe/Starry_Night_Over_the_Rhone.jpg
    Beispiel: Van Gogh-Gemälde: Das kühle Nachtblau dominiert flächenmäßig, dennoch bildet das wenige Lichtgelb einen "gleichwertigen" Gegenpol, so dass das Bild nicht "düster" wirkt.)
    Dieser Effekt beruht auch den unterschiedlichen Größen der Farbflächen.
    Der Quantitätskontrast bezieht sich auf die Größenverhältnisse von Farbflächen und deren Leuchtkraft. Wenn man gleich grosse Farbflächen zusammenstellt, dann treten einige Farben in den Vordergrund (wie zum Beispiel Gelb) und andere treten zurück (wie zum Beispiel Violett). Bei Bestimmung von Farbquantitäten sind zwei Kriterien anzulegen
  1. die Leuchtkraft
  2. die Größe der Farbflächen
    • Als Faustregel für den Größenvergleich der Farbgewichte gelten bis heute die Maßzahlen die schon Goethe bestimmt hat. Das dreimal stärkere Gelb muss also eine dreimal kleinere Fläche einnehmen, als das komplementäre Violett.
    1. Orange + Violett-Blau = 3 + 9 =12
    2. Orangerot + Cyan = 4 + 8 = 12
    3. Magenta + Grün = 6 + 6 = 12
    • Addiert man jeweils die Werte der komplementären Farbpaare, so erhält man jedesmal den Wert 12:
    • In diesen Proportionen bildet der Qualitätskontrast statische Harmonien. Setzt man eine intensive Farbe nur punktuell da ein, wo es wichtig ist, spricht man von einer Signalwirkung.